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Nach wie vor sind Zeugenaussagen das wesentliche Indiz in der Argumentation um ein (möglicherweise) anomalistisches Phänomen hinter den UFOs/UAPs, da objektivierbares Beweismaterial, wie Fotos, Videos, Radaraufzeichnungen oder irgendwelche Trümmerteile etc., bislang, soweit als "echt" akzeptiert, keine eindeutigen Schlussfolgerungen zulässt. Insbesondere bei vorliegendem Bildmaterial mangelt es entweder an der Qualität oder darauf zu sehende Objekte sind zu weit weg, um überhaupt aussagekräftige Details zu erkennen, speziell bei den typischen Lichtern in der Nacht. Daran haben auch bisherige Bemühungen um eine instrumentelle Erfassung nichts geändert, von denen es in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge gab. Die aktuell intitiierten, neuen Projekte stehen hier vor einer Herausforderung und müssen den Nachweis eines anomalistischen Phänomens im Luftraum (oder darüber hinaus) erst noch erbringen.

Insofern gilt, worauf die jahrzehntelange private UFO-Forschung entsprechend hinweist: Gegenstand der Forschung sind schwerpunktmäßig Berichte über UFOs, nicht UFOs selber. Da die Grundlage dafür der Mensch und seine Wahrnehmung ist, muss auch ein Fokus in der Forschung darauf liegen und nicht in theoretischen, physikalischen Überlegungen zu spekulativen, interstellaren Antrieben. Erkannt haben das neben den wissenschafltlich-kritischen Forschern auch Wissenschaftler außerhalb der UFO-Szene, die sich schon immer auch mit der Psychologie außergewöhnlicher menschlicher Erfahrungen befassen. Ein zentrales Thema ist hier die forensische Zeugen- und Aussagepsychologie. Leider wird das in Falldiskussionen vielfach kaum reflektiert, wenn pro-UFO argumentiert wird.

Ein Wissenschaftler, der hier forscht, ist Dr. Matthew J. Sharps, Professor für forensische Psychologie an der California State University in Fresno, mit dem wir seit kurzer Zeit einen guten Kontakt und angeregten Austausch haben und der sich auch völlig tabufrei mit der Psychologie anomalistischer Phänomene befasst. Darauf angesprochen, teilte er uns mit, dass er von der angeblichen Ablehnung der Beschäftigung mit solchen Themen zwar gehört, das selber aber nie erfahren habe. Das sei aber sicherlich auch auf seinen Fokus auf psychologische Prozesse, insbesondere der Fehlinterpretation herkömmlicher Phänomene, zurückzuführen. Zudem sieht er die Befassung mit extremen Augenzeugenirrtümern als sehr hilfreich für die wissenschafliche Forschung an.

Kürzlich hat er für uns, anlässlich einer Anfrage, zum Thema Pilotenkompetenz und UFO-Beobachtungen ein kurzes Essay geschrieben, das wir hier auf deutsch und englisch veröffentlicht haben. Über seine Arbeit publiziert er u.a auch auf seinem Blog The Forensic View bei Psychology Today, von dem wir mit seiner freundlichen Genehmigung einzelne Artikel auf deutsch hier veröffentlichen dürfen. Ein Beitrag befasst sich mit der Frage, warum manche Menschen über Sichtungen von Bigfoot, Außerirdischen oder Geistern berichten, wo offenkundig keine sind bzw. andere Menschen nichts Außergewöhnliches wahrnehmen. Eine Frage, die wir uns und sich andere UFO-Forscher regelmäßig stellen, wenn ein weithin sichtbares, offenkundig herkömmliches Objekt fehlinterpretiert oder eine Beobachtung über belebtem Gebiet gemacht wurde, es aber daneben so gut wie keine parallele Sichtungsmeldungen gibt, vor allem, wenn die Schilderung sehr außergewöhnliche oder fremdartige Elemente enthält. Interessiert es andere Beobachter nicht oder erkennen sie das, was dahinter steckt? Über mögliche psychologische Ursachen, warum manche Menschen natürliche Dinge als außergewöhnlich wahrnehmen, schreibt Dr. Sharps in seinem untenstehenden Beitrag.
Wichtiger Hinweis: Die Rechte, auch an den deutschen Übersetzungen, liegen bei Dr. Sharps. Eine Übernahme oder Weiterverwendung der Artikel ist nur mit seiner ausdrücklichen Genehmigung erlaubt.

Bigfoot und Marsmenschen und Geister, oh weh!
Matthew J. Sharps

Augenzeugenpsychologie hilft uns, paranormale Überzeugungen und Sichtungen zu verstehen.

In unserem letzten Forensic View-Beitrag1 haben wir gesehen, dass wir ganz normale Menschen dazu bringen können, nicht existierende Geografie, Strukturen und sogar Kanäle auf einer strukturlosen weißen Scheibe zu sehen, vorausgesetzt, sie halten sie für einen fremden Planeten. Dies hilft bei der Erklärung mehrerer wissenschaftlicher Rätsel, einschließlich der "Entdeckung" von nicht vorhandenen Kanälen auf dem Mars im letzten Jahrhundert, und es erklärt auch eine Menge prosaischerer Fragen in der forensischen Psychologie. Wenn der Verstand einen unschein­baren weißen Fleck in eine bewohnte Welt verwandeln kann, dann kann er sicherlich auch einen blonden Verdächtigen in eine Erinnerung an einen brünetten verwandeln, oder eine Art von Waffe in eine falsche Erinnerung an eine andere. Zugegeben, das Beispiel vom Mars ist extremer, aber wir können viel von Extremen lernen.

Dennoch sieht nicht jeder Kanäle auf dem Mars oder verwandelt in Kriminalfällen blonde Angreifer in brünette. Warum also sehen und glauben manche Menschen unwirkliche Dinge, während andere dies nicht tun? Hier müssen wir uns wieder den Extremen zuwenden, und in der Psychologie geht es nicht extremer zu, als in der Welt von Bigfoot, Außerirdischen und Gespenstern. Niemand hat einen stichhaltigen Beweis für die Existenz dieser Dinge. Zugegeben, es gibt UFOs, unidentifizierte Flugobjekte. Die Menschen sehen viele fliegende Dinge am Himmel, die sie nicht identifizieren können. Ich habe selbst viele UFOs gesehen. Im Allgemeinen sind es Vögel. Aber sie gelten trotzdem als nicht identifiziert, weil ich sie nicht direkt kenne. Aber was die Außerirdischen, Bigfoot und die Geister selbst angeht - wenn man nicht wirklich an verschiedene Schmutzpartikel, Haare und Fäkalien glaubt, kann man sich nur auf Augenzeugen­berichte stützen, und wir haben gesehen, wie zuverlässig diese sein können. Wir können sie zu einem Augenzeugen von Marskanälen machen, die es gar nicht gibt.

Warum also glauben die Menschen an Bigfoot, Geister und Außerirdische und sehen sie auch?

Wir haben dazu eine Studie durchgeführt (zusammengefasst in Sharps, 2012). Wir untersuchten anhand von Standardbeurteilungen die individuellen Unterschiede zwischen denjenigen, die an diese Dinge glaubten, und denjenigen, die dies nicht taten, und stützten uns dabei zum Teil auf die folgenden Hypothesen:

1. Depressive Menschen würden eher an Außerirdische glauben, die sie auf einen schöneren Planeten bringen könnten. Die Depressiven sollten auch an Geister glauben, denn Geister sind der Beweis für ein Leben nach dem Tod, in dem die Dinge besser werden könnten. Aber wir haben nicht erwartet, dass sich die Depressiven für Bigfoot interessieren.

2. Menschen, die zu einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung neigen (nur die Neigung, nicht das ganze Syndrom), würden sich jedoch wahrscheinlich nicht für Geister interessieren. Sie würden sich sehr für Bigfoot und UFOs interessieren, und da man Außerirdische braucht, um die UFOs zu steuern, würden sie auch an sie glauben.

Warum haben wir das gedacht? ADHS ist ein komplexes Phänomen, und viele Menschen haben nur einige der subklinischen Symptome, aber wir haben in meinem Labor beobachtet, dass Menschen mit diesen Tendenzen sich in der Regel nicht gerne langweilen - sie erfreuen sich häufig an seltsamen, aufregenden Dingen wie Bigfoot im Wald, und ein paar fliegende Untertassen hätten sie auch gerne dabei. Vor allem mit Phasern. Am coolsten wäre es, wenn Bigfoot das UFO fliegen würde, mit brennenden Phasern in jeder kryptozoologischen Faust. Aber Geister - um ehrlich zu sein, nein. Kreischende, untote Zombies mit Maschinengewehren, klar - aber Geister sind einfach nichts für Leute mit ADHS-Tendenzen.

Wir haben diese Ideen mit Standardinstrumenten getestet, und die Ergebnisse stimmten vollständig mit den Hypothesen überein – die Depressiven glaubten relativ stark an Geister und Außerirdische, diejenigen mit subklinischen Neigungen zu ADHS an Außerirdische und Bigfoot, und es gab wirklich keine Überschneidung. Wenn dies die Genese dieser Dinge nicht eher im Geist als in der physischen Realität demonstriert, weiß ich nicht, was es tut.

Aber dann gab es die Dissoziation.

Wir sprechen hier nicht über die schweren dissoziativen Störungen des DSM-52. Wir sprechen von subklinischer Dissoziation, die die Welt ein wenig diffus und unwirklich erscheinen lassen kann. Dissoziation kann zu Tagträumen und dazu führen, dass man das Unwahrscheinliche leichter akzeptiert. Wahrscheinlich erlebt jeder Mensch von Zeit zu Zeit eine Dissoziation, aber manche Menschen erleben sie sehr häufig. Und was wir herausgefunden haben, wiederum unter Verwendung eines Standardinstruments, war, dass Menschen, die zur Dissoziation neigen, an alles glauben. Bigfoot, Außerirdische, Geister, das Ungeheuer von Loch Ness, das Ende der Welt nach dem Maya-Kalender 2012 - alles (Sharps, Liao & Herrera, 2016).

Und es kommt noch schlimmer. Die Dissoziierten sehen diese Dinge auch (siehe Sharps, 2012).

In unseren Experimenten wurden Hubschrauber mit Landescheinwerfern in seltsamen Winkeln zu UFOs. Teenager in eher schlechten Halloween-Kostümen wurden zu Bigfoot. Zerknitterter Stoff bei partieller Beleuchtung wurde zu einem Geist. Und so weiter - aber nur für diejenigen, die ein hohes Maß an Dissoziation aufwiesen. Alle anderen sahen Flugzeuge, Teenager und Stoff.

Dissoziation, selbst auf der alltäglichen, subklinischen Ebene, prädisponiert Sie nicht nur dazu, an das Unwirkliche zu glauben. Sie hilft Ihnen, es zu sehen. Und raten Sie mal, wer in unserem letzten Beitrag über die Kanäle auf dem Mars die Gebäude, die Berge, die seltsamen Farben und die Kanäle auf einer leeren weißen Scheibe gesehen hat. Richtig - diejenigen mit einem relativ hohen Grad an Dissoziation. Das waren ganz normale Menschen, die einfach nur ein bisschen mehr von der Dissoziation erleben, die jeder gelegentlich empfindet.

Aber sie sehen und berichten Dinge, die gar nicht existieren.

Die Bedeutung dieses Phänomens für die praktische Welt der Strafjustiz kann kaum überschätzt werden. In früheren Beiträgen in The Forensic View haben wir über die normale Rekonfiguration des Augenzeugengedächtnisses und den Einfluss von schwerwiegendem Stress auf unser Gedächtnis gesprochen. Jetzt sehen wir, wie wichtig die individuellen Unterschiede sind. All diese Faktoren können zusammengenommen die Augenzeugenberichte beeinflussen, die für eine echte Gerechtig­keit für die Schuldigen und für das Leben und die Freiheit der Unschuldigen entscheidend sind. Das macht zwar nicht so viel Spaß wie Marsmenschen und Bigfoot; vielleicht ist es auch nicht so intellek­tuell befriedigend wie die Untersuchung wissenschaftlicher Irrtümer; aber es ist von unend­lich größerer Bedeutung für die Verdächtigen und die Opfer, die der Strafjustiz zur Kenntnis gelangen.

Ich hoffe, dass ich mich in künftigen Beiträgen in The Forensic View speziell mit diesen Fragen befassen werde. Aber in der Zwischenzeit sollten wir uns vielleicht daran erinnern:

Wir können eine Menge von den Extremen lernen.

1Anmerkung des Übersetzers: Verweist auf den Blogbeitrag: “Eyewitness to the Aliens: Forensic Psychology on Mars
2Anmerkung des Übersetzers: DSM-5 bezieht sich auf die aktuellste, fünfte Ausgabe des diagnostischen und statistischen Leitfadens psychischer Störungen.

Verweise
Sharps, M.J. (2017). Processing Under pressure: Stress, Memory, and Decision-Making in Law Enforcement (2nd ed.). Flushing, NY: Looseleaf Law.
Sharps, M.J. Liao, S.W., and Herrera, M.R. (2016). Dissociation and Paranormal Beliefs: Toward a Taxonomy of Belief in the Unreal. Skeptical Inquirer, 40, May/June, 40-44.
Sharps, M.J. (2012). Eyewitness to the Paranormal: The Experimental Psychology of the “Unexplained.” Skeptical Inquirer, 36, July/August, 39-43.

Über den Autor
Matthew J. Sharps, Ph.D., Professor für Psychologie an der California State University, Fresno. Er forscht unter anderem in forensischer Kognitionswissenschaft.
https://www.psychologytoday.com/us/contributors/matthew-j-sharps-phd

Originalquelle: https://www.psychologytoday.com/us/blog/the-forensic-view/202006/bigfoot-and-martians-and-ghosts-oh-my

Bei der Beurteilung und Diskussion von UFO-Sichtungen stehen neben den Aussagen und Interviews von Zeugen insbesondere auch deren ggf. angefertigten Zeichnungen und Skizzen im Mittelpunkt, da diese die Wahrnehumg des Zeugen am besten wiedergeben und für die Untersucher veranschaulichen. Studien im Rahmen des kognitiven Interviews bestätigen auch, dass von Zeugen selbst angefertigte Zeichnungen zum Geschehen, unabhängig von einer Befragung, den Gedächtnisinhhalt am Genauesten wiedergeben, unverfälscht von Fragestellungen eines Interviews und der eigenen Verbalisierung und möglichen Konfabulation (Memon et al. 2010). Die Genauigkeit bezieht sich dabei natürlich auf die Vorstellungswelt und Perspektive des jeweiligen Zeugen, nicht auf die objektive Wirklichkeit.

Ein besonderer Aspekt dabei ist, wenn Vorfälle eine mediale Aufmerksamkeit erreichen und wiederholt bzw. in Zeitabständen erneut aufgegriffen werden und auch in der Literatur ihren Niederschlag finden. Vielfach werden hierzu Zeichnungen von den Zeugen erneut angefertigt oder auch von Autoren nachgezeichnet oder selber auf Beschreibungen hin angefertigt. Die spannende Frage dazu ist, inwieweit verändern sich ggf. Zeichnungen oder weichen voneinander ab? Der bekannte Autor und Forteaner Ulrich Magin hat dies im nachfolgenden Artikel zu Zeichnungen von UFO- und Nessie-Zeugen aufgegriffen. Abschließend findet sich noch eine kleine Ergänzung unsererseits.

Über Zeichnungen von UFO- und Nessie-Sichtungen
Ulrich Magin

Der Mensch ist ein Augentier und ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Sagt man. Deshalb sollen hier vor allem Bilder für sich sprechen – Bilder, die Augenzeugen einer ungewöhnlichen und überraschenden Beobachtung gemacht haben oder Bilder, die Forscher nach Angaben solcher Augenzeugen gemalt oder skizziert haben. Wie viel erfahren wir über die „Wirklichkeit“ durch solche Zeichnungen?

UFO-Zeichnungen

Beginnen wir mit der allerersten UFO-Sichtung – der von Kenneth Arnold am 24. Juni 1947. Arnold sah seine neun UFOs im Formationsflug aus einer Entfernung von 40 km! Das erste dieser UFOs war vom letzten etwa acht Kilometer entfernt (Ribera, S. 58). Die UFOs hätten mehrere hundert Meter dick sein müssen, um überhaupt erkennbar zu sein.

Dessen ungeachtet zeichnete Arnold für die Behörden schnell eine Skizze der fliegenden Untertassen (später meinte er, das erste Objekt habe sich von den acht ihm folgenden unterschieden). Diese Skizze zeigt eine Art Halbmond mit flacher Spitze an der nicht abgerundeten Seite (Steiger, S. 33).

Unter Arnolds Augen ließ Ray Palmer eine Illustration der Untertassen für sein Magazin FATE anfertigen, die den Augenzeugen so überzeugte, dass er sie auch als Umschlag für sein erstes Buch verwendete. Hier sind die UFOs so groß wie das Flugzeug, aus dem er sie beobachtete, und umschwirren es. Diese Art der Darstellung ist sicher auch visuellen Konventionen geschuldet – zeigt aber, dass selbst unter der Aufsicht von Augenzeugen angefertigte Zeichnungen den tatsächlichen oder behaupteten Tathergang nur unzureichend darstellen können. Der Umschlag von Arnolds Buch zeigt etwas anderes als das Geschehen, das er unmittelbar nach seiner Beobachtung schilderte.

Abb. 1 - 3, von links: Arnolds Untertassen in eigener Zeichnung 1947, 1948 auf dem Cover von Fate und auf dem Umschlag seines Buchs.

Es ist kein Einzelfall. Was der Zeuge zeichnet, verändert sich manchmal im Laufe der Zeit; manchmal verändert es auch ein UFO-Forscher. Manche, etwa von Ludwiger, illustrieren ihre Bücher sogar mit Skizzen, die mit den Augenzeugen nicht abgesprochen sind. Manchmal meldet sich ein Augenzeuge Jahre später und erklärt, die Skizze im Buch habe mit seiner Beobachtung nicht das Geringste zu tun (Ludwiger 2009).

Soziale Faktoren beeinflussen, was wir sehen, wie wir es berichten und wie wir uns an das Gesehene erinnern, die Immunisierung gegen Kritik verändert und überformt unseren Bericht und unsere Erinnerung.

So sah der Zeuge einer nahen Begegnung der dritten Art bei Langenargen am Bodensee ein Männchen, das Kermit dem Frosch mit rundem Kopf und zackiger Halskrause glich. Als sich Jahre später die Grauen als Prototyp des Außerirdischen etablierten, änderte er seine Darstellung und behauptete, er habe einen typischen Grauen mit unten spitz zulaufendem Kopf gesehen – und dass er solch einen verbreiteten Typ gesehen hatte, galt wiederum als Bestätigung seiner Sichtung. Und natürlich wurden die Skizzen entsprechen abgeändert (von Ludwiger 1992, Abb.9; Skizzenvergleich im Journal für Ufo-Forschung 3/1993, S. 84).

In der Nacht vom 19. zum 20. September 1961 erlebten Barney und Betty Hill eine UFO-Begegnung, die als eine der ersten Entführungen und als Muster für spätere Berichte dieser Art in die Geschichte der Ufologie einging.

Zunächst schilderte Betty Hill unter Hypnose äußerst menschlichen Entführer, die so etwas wie Luftwaffen-Uniformen trugen: „Sie hatten dunkle Haare und Augen, graue Haut, eine breite Brust und lange Nasen wie Jimmy Durante.“ (Nach Randle: „Ihre Nasen waren größer als normalgroße Nasen, aber ich habe aber schon Leute mit so großen Nasen gesehen – zum Bespiel Jimmy Durante.“) Ihr Mann Barney erinnerte sich, ebenfalls unter Hypnose, an etwas exotischere Wesen, die Nazi-Uniformen trugen. Als Betty hörte, was ihr Mann berichtet hatte, änderte sie ihren Alien ebenfalls in ein graues Männlein um, als sie erneut unter Hypnose befragt wurde (Keith, S. 275; Randle, S. 143, Watson, S. 102). Heute hat der typische Hill-Entführer in Darstellungen große schwarze Augen, keine Nase und eine Glatze.

Abb. 4 bis 7, von links: Der Kopf des Aliens nach Betty Hill bei unterschiedlichen Befragungen und zu unterschiedlichen Zeiten. Abb. 4 zeigt die Skizze unter Hypnose und später beim Erinnern nach einer zeitgenössischen Illustrierten, Abb. 5 die Skizze und ihre künstlerische Umsetzung, Abb. 6 einen von Betty Hill modellierten Kopf (Sachs, S. 217). Mit schmalen Augen und weißen Augen und Pupillen ist das Wesen noch weit von dem „Grauen“ entfernt, als das es später betrachtet wurde. Abb. 7: Jimmy Durantes Nase ist bei späteren Entführungen nie mehr gemeldet worden – und spielt auf allen Darstellungen Betty Hills keine Rolle mehr.

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Zeugenskizzen und ihre spätere Ausarbeitungen durch Grafiker und UFO-Forscher sind allerdings nicht zwangsläufig fehlerhaft oder verfälschend. Im Falle Socorro (24. April 1964) sind die unterschiedlichen Ansichten identisch, nur ausgefeilter, was auf die Befragung des Zeugen zurückzuführen sein könnte. Manche Zeichnungen also bleiben beständig, doch wer weiß, welche das sind?

Abb. 8 und 9: Socorro, erste Phase (links nach Bowen, S. 134 und rechts nach Stanford, S. 27)

Abb. 10 und 11: Socorro, zweite Phase (links nach Steiger, S. 110, rechts nach Stanford, S. 31)

UFO-Symbole

Nicht immer ist klar, ob ein UFO-Autor oder der Zeuge selbst zu dieser Variationsbreite von Illustrationen beigetragen hat. Es zeigt sich aber schnell – Bilder bekommen genauso Flügel wie Küken, sie verändern sich und diversifizieren. Betrachten wir nur folgende „authentischen“ Symbole auf UFOs, wie sie von verschiedenen, jeweils geachteten Autoren gezeigt werden – und wie unterschiedlich sie jeweils sind. Welches aber ist das „einzig Richtige“?

Villas Boas-Symbol


Keel, S. 223

Bowen, S.232

Socorro-Symbol


Stanford, S. 31


Keel, S. 223

Steiger, S.107; Sachs, S. 299

Bowen, S. 135

Abb. rechts: Das Socorro-Zeichen auf einer Rekonstruktion des "San Antonio Express" vom 30. April 1964. Zamorra soll unterschiedliche Versionen des Zeichens verbreitet haben, um Nachahmungstäter zu überführen. Dieses rechts abgebildete Symbol (ein spitzer, unten offener Winkel, der dreimal waagrecht durchgestrichen ist) soll der Zeuge nur guten Freunden gezeigt haben, um selbst Schwindler zu erkennen (Stanford, S. 177–183, Jufof 185, 5/2009, S. 152).

Bilder des Ungeheuers von Loch Ness

Auch wenn jemand das Loch-Ness-Monster gesehen hat, erhalten wir eine Zeugenskizze oder eine Zeichnung, die nach Angaben des Augenzeugen angefertigt wurde. Je populärer (und damit bedeutender für die Interpretation de Phänomens) eine Sichtung ist, desto mehr Skizzen liegen vor.

So wie Hynek, Keel oder Vallée gelten auf dem Gebiet der Nessie-Forschung Constance Whyte, Tim Dinsdale und Ted Holiday als verlässliche Autoritäten. Sie haben jeweils die wichtigsten Augenzeugen befragt und sich von ihnen das Gesichtete skizzieren lassen. Doch diese Skizzen fallen bei derselben Beobachtung oft sehr, sehr unterschiedlich aus, auch wenn sie dieselbe ursprüngliche Zeichnung wiedergeben. Es scheint so, als veränderten sich bei Befragungen angefertigte Skizzen allmählich.

George Spicer und seine Frau waren 1933 die ersten, die Nessie an Land sahen, als es eine Nebenstraße überquerte. In einem Leserbrief an die Lokalzeitung „Inverness Courier“ schilderte Spicer, es sei sechs bis acht Fuß lang [1,80 bis 2,40 m] gewesen und habe ein Lamm im Maul mit sich geschleppt. Die Spicers änderten ihre Geschichte nach diesem ersten Bericht. Bei der Forscherin Constance Whyte beschwerte sich George Spicer im Jahr 1957, dass sich die Leute über ihn lustig gemacht hätten: „Es wurde berichtet, dass das Monster ‚mit einem Lamm im Maul‘ gesehen worden war; diese und andere verzerrte oder unvollständige Berichte waren zu dieser Zeit üblich und wurden, sehr zum Ärger von Herrn und Frau Spicer, danach häufig wiederholt.“ Whyte gegenüber sagten sie nun: „Das muss wohl das Ende des Schwanzes gewesen sein.“ Die Größe des Wesens gaben sie in einem Interview mit Tim Dinsdale im Jahr 1960 mit 7,5 m (25 Fuß) an, Nick Witchell erzählten sie Mitte der 1970er Jahre, es seien 9 m (30 Fuß) gewesen (Magin 2011, S. 210–211). Geschichten wachsen, Augenzeugenberichte passen sich den geäußerten Kritikpunkten an. Aber eben auch Zeugenskizzen.

Abb 12 bis 14, von links: Das Ungeheuer des Ehepaars Spicer nach Rupert Gould 1934, Constance Whyte 1957 und Tim Dinsdale 1976. Alle konsultierten die Augenzeugen, unter deren Ägide die Illustrationen angefertigt wurden. Das Monster ist durchaus variabel.

Der Nächste, der das Ungeheuer an Land sah, war 1934 der Student Arthur Grant. Seine eigene Skizze ist eher tastend, die veröffentlichten Versionen allerdings verfestigen diese Eindrücke und verändern sie zuweilen. Bei Dinsdale werden sogar eindeutige Zehen zu glatten Flossen.

Abb. 15 bis 19, von oben links: Arthur Grants erste Skizze, Rupert Goulds Version 1934 (S. 163), Constance Whyte 1957, Tim Dinsdale 1961 (S. 45) und 1976 (S. 35)

Greta Finlay und ihr Sohn sahen das Ungeheuer am 20. August 1952 aus nächster Nähe. Auch hier sind, selbst bei genereller Ähnlichkeit, leicht gröbere Abweichungen zu bemerken – lag der Körper unter Wasser oder bildete er zwei oder sogar drei Höcker?

Auch passt das Bild nicht mit dem Zeugenbericht zusammen: Die Finlays meinten, „die sichtbare Gesamtlänge belief sich auf etwa 4,50 m. Den Hals hielt es senkrecht, und da, wo er ins Wasser kam, traf er auf einen massigen Körper. Hals und Kopf waren zusammen 60 bis 75 cm lang.“ Nimmt man aber die Gesamtlänge am Wasserspiegel mit 4,50 m an, dann wären Hals und Kopf 1,80 bis 2,10 m lang. Oder – maß der Hals 60 cm, dann betrug die Gesamtlänge der beiden Höcker nur 90 cm. Die Skizzen weichen nicht nur voneinander ab, sondern zudem vom mündlichen Bericht.

Abb. 20 bis 22, von links: Greta Finlays Ungeheuer nach Constance Whyte 1957, Tim Dinsdale 1961 (S. 123) und 1976 (S. 95).

Abb. 23, Sammlung von Nessie-Zeichnungen In einem Buch über Nessies Cousine Morag im Loch Morar bildete Elizabeth Montgomery Campbell die 33 von ihr gesammelten Sichtungen des Monsters ab – und erschafft durch diese starke Vereinfachung ein Bild des Tieres, das einheitlich wirkt, aber gar nicht einheitlich ist, wenn man die einzelnen Berichte liest, die hier als identisch skizziert sind (s. Abb 23 links)!

Das erste Foto des Monsters gelang im November 1933 angeblich Hugh Grey aus dem Seedorf Foyers (Abb. 24, unten). Die Umzeichnung dieses Fotos zeigt, wie sehr seine Darstellung den Überzeugungen der jeweiligen Autoren angepasst wurde. Abb. 25 (rechts oben) stammt von dem skeptischen Maurice Burton (S. 79), Abb. 26 (rechts unten) von F. W. Holiday (S. 32), der das Ungeheuer für einen riesigen Wurm hielt.


Abb. 25, Zeichnung von Maurice Burton
Abb. 24, Foto von Hugh Grey
Abb. 26, Zeichnung von F.W.Holiday


Abb. 26, Skizzen zu einem Augenzeugenbericht

Überhaupt ist es nicht einfach, ein fremdes Erlebnis in eine Skizze zu fassen. Der Monsterforscher Maurice Burton (S. 141) legte zwei professionellen Tierzeichnern und zwei Zoologen denselben schriftlichen Augenzeugenbericht vor, damit sie ihn illustrieren konnten (Sichtung von P. Grant, 12. August 1934). Das Ergebnis mahnt zumindest zur Vorsicht, wenn ein Monster- oder UFO-Forscher ein Bild nur nach Augenzeugenberichten zeichnet, ohne den Beobachtern selbst das Bild vorzulegen (s. Abb 26 links).

Das sind sehr grundlegende Fakten – Skizzen verändern sich, wenn sie übernommen werden, Augenzeugen erinnern sich neu und anders, wenn sie nach Jahren wieder befragt werden, Verlass ist auch auf verlässliche Autoren nicht, weil Fehler eben vorkommen. Es ist gut, wenn ein Augenzeuge oder ein Forscher unter dessen Aufsicht eine Skizze zeichnet, weil der unmittelbare optische Eindruck häufig selbsterklärender ist als ein langer und umständlicher Bericht mit Worten. Und doch gilt dieselbe Vorsicht wie bei Zeugenerzählungen.

Es geht mir nicht darum, ob und was die Augenzeugen gesehen haben – sondern um die simple Tatsache, dass weder eine Skizze des Augenzeugens noch die eines ihn befragenden Forschers fotografische Qualität hat, dass sich Zeugenskizzen, wie Zeugenschilderungen, im Laufe der Zeit massiv verändern können und dass ein Bild bei anomalen Phänomenen zwar mehr sagt als tausend Worte, aber auch nicht immer das, was eins zu eins die Wirklichkeit abbildet.

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Soweit Ulrich Magins Artikel. Als kleine Ergänzung möchten wir noch das Beispiel Whitley Strieber anfügen, dessen Schilderungen über seine angeblichen Entführungen, nicht zuletzt aufgrund seiner Buchveröffentlichungen, als Synonym für die sogenannten "kleinen Grauen" gelten. Weniger bekannt dürfte sein, dass dessen anfänglich angefertigten Zeichnungen völlig andere Darstellungen der Außerirdischen zeigen, als das später verbreitet wurde, unter anderem ein bekleideter und behaarter Außerirdischer. Unser Dank geht an dieser Stelle an den schwedischen Forscherkollegen Clas Svahn von der AFU, der uns die betreffende Zeichnung zur Verfügung stellte.

Abb. 27: Diese Zeichnung wurde von Whitley Strieber
für den schwedischen UFO-Forscher Clas Svahn während eines Interviews in Stockholm am 11. Oktober 1988 angefertigt. Strieber beschrieb die Entität als eine von
"der guten Armee". Copyright: Clas Svahn/AFU

Abb. 28: Zeichnerische Darstellung aus dem YouTube-Video "Whitley Strieber Conta Sua Experiência Em 1996"

Abb. 29: Titelbild des Bestsellers "Die Besucher" (engl.: Communion) von Whitley Strieber, mit der idealisierten Darstellung der Außerirdischen.

Abschließend möchten wir noch eine Darstellung abdrucken, die die mögliche Beeinflussung der Darstellung Außerirdischer durch zeitgenössische Science Fiction-Filme zu verdeutlichen sucht (s. Abb. 30 rechts) (Loxton 2005). Ein Ansatz, der seinen Niederschlag in der psychosozialen und kulturellen Hypothese des UFO-Phänomens findet, die das Phänomen in seiner Beschreibung auch als zeitgenössische Folklore definiert. Allerdings gelten auch psychologische Implikationen der Zeugen als mögliche Hintergründe für das Aussehen von Außerirdischen, wie die uniformierten Aliens bei Betty und Barney Hill.

Abb. 30: Inspiration der Begegegnung mit Außerirdischen durch Sceince Fiction


Literatur zum Artikel
Arnold, Kenneth; Palmer, Raymond A.: The Coming of the Saucers. Amherst Press 1952
Bowen, Charles, Hrsg.: The Humanoids. London: Futura 1974
Burton, Maurice: The Elusive Monster. London: Hart-Davies 1961
Dinsdale, Tim: Loch Ness Monster. London: Routledge & Kegan Paul 1961, 1976
Holiday, F. W.: The Great Orm. London: Faber & Faber 1968
Keel, John A.: Operation Trojan Horse. London: Abacus 1973
Keith, Jim: Mind Control, World Control. Adventures Unlimited Press 1997
Loxton, Daniel. "Alien abduction: part one of two: the invasion begins!" Skeptic [Altadena, CA], vol. 12, no. 3, 2005, S. 81ff
Ludwiger, I. v., Hrsg.: Beiträge zur Ufo-Forschung aus Geschichte, Biologie und Physik. MUFON-CES-Bericht Nr. 12, 2009
Ludwiger, I. v.: Der Stand der UFO-Forschung. Frankfurt a .M. 1992, 2.Aufl.
Magin, Ulrich: Investigating the Impossible. Anomalist 2011
Montgomery Campbell, Elizabeth: The Search for Morag. London: Tom Stacey 1972
Randle, Kevin D.: Faces of the Visitors: An Illustrated Reference to Alien Contact. Fireside 1997
Ribera, Antonio: El Gran Enigma de los Platillos Volantes. Barcelona: Pomaire 1966
Sachs, Margaret: The Ufo Encyclopedia. New York: Putnam 1981
Stanford, Ray: Socorro Saucer. New York. HarperCollins 1978
Steiger, Brad, Hrsg.: Project Blue Book. New York: Ballantine 1976
Watson, Nigel: Captured by Aliens?: A History and Analysis of American Abduction Claims. McFarland 2020
Whyte, Constance: More Than a Legend. London: Hamish Hamilton 1957

Weitere Quellen
Memon, A., Meissner, C. A., & Fraser, J. (2010). The cognitive interview: A meta-analytic review and study space analysis of the past 25 years. Psychology, Public Policy, and Law, 16[4], 340-372.
YouTube-Video "Whitley Strieber Conta Sua Experiência Em 1996"
Buchcover "Die Besucher" von Whitley Strieber
Loxton, Daniel: "Alien abduction: part one of two: the invasion begins!" Skeptic [Altadena, CA], vol. 12, no. 3, 2005, 81ff

Typischerweise beruhen gemeldete UFO-Beobachtungen auf Einzelzeugenberichten. Nur in wenigen Fällen werden Beobachtungen von mehreren Personen oder Gruppen gemacht. Bei mehreren Augenzeugen wird die geschilderte Beobachtung tendenziell als zuverlässiger angesehen, aber ist dies tatsächlich so? Oder bestätigen diese eher die seitens kritischer Forscher bemängelte grundsätzliche Unzuverlässigkeit von Augenzeugenberichten? Der Forteaner und Autor Ulrich Magin hat sich im nachfolgenden Artikel nicht nur aus UFO-Sicht damit beschäftigt.

PROBLEMFALL GRUPPENSICHTUNGEN – WIE ZUVERLÄSSIG SIND AUGENZEUGENBERICHTE?
Ulrich Magin

Eine Möglichkeit, die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen einzuschätzen, besteht darin, Zeugen ein und derselben Erscheinung zu befragen und nachzusehen, wie genau ihre Schilderungen übereinstimmen. Ist der Mensch generell ein zuverlässiger Berichterstatter, sollten die Berichte übereinstimmen. Dann würde eine exotische Erzählung automatisch bedeuten, dass die Augenzeugen etwas mit einem hohen Strangeness-, also Fremdartigkeitsgrad, gesehen haben. Weichen die Aussagen in einem solchen Fall voneinander ab, liegt die Exotik des beobachteten Phänomens eher im Beobachter begründet und nicht im Objekt selbst.

Es gibt nicht allzu viele Sichtungen von UFOs (oder anderen Phänomenen), bei denen mehr als ein Augenzeugenbericht vorliegt – häufig wird ein Zeuge befragt, und die zusätzlichen Beobachter stimmen mehr oder weniger einfach zu. Die folgende Aufstellung soll aber zeigen, wie es um den Übereinstimmungsgrad beschaffen ist, wenn mehrere Zeugen unabhängig voneinander zum gleichen Ereignis befragt wurden.

UFOs

Beginnen wir mit einer fliegenden Untertasse, die bereits 1946 gemeldet wurde. Am 8. Oktober 1946 durchquerte die Erde den Schweif des Kometen Giacobini-Zinner. Der Sternschnuppenregen war lange vorher angekündigt und lockte viele Besucher ins Freie. Mead Layne, ein theosophisch orientierter Kontaktler, gab damals die Zeitschrift „Round Robin“ heraus, die Botschaften von Außerirdischen veröffentlichte. Seine Leser sahen keine Meteoriten, sondern Raumschiffe. „Ab 10.45 Uhr sahen die Abonnenten des Round Robin ein Raumschiff, das sich als Silhouette vor dem Mond abhob. Dreizehn Augenzeugen werden genannt. Alle aus San Diego. Jeder beschrieb das Objekt anders“, resümiert Tiffany Thayer, der Vorsitzende der „Fortean Society“ in deren Magazin „Doubt“. (Thayer 1946) Ein Mann, der paranormal begabt war „gab Layne eine Botschaft, die er angeblich erhalten hatte. Darin wurde das Objekt als ‚mechanischer Vogel namens Careeta‘ bezeichnet. Es stammte von einem weit entfernten Planeten und die Mannschaft fürchtete sich vor der Landung.“ Es wurden also nicht nur bereits ein Jahr vor Ankunft der fliegenden Untertassen Meteoriten für Raumschiffe gehalten, sondern: „Each describes the object differently. – Jeder beschrieb das Objekt anders.“

Am 13. Februar 1969 sah eine Familie wenige Meter vom Strand von Niebla in Chile entfernt nur wenige Zentimeter über dem Boden ein eiförmiges UFO – oder: „einen Oktaeder 60 Meter über dem Erdboden“ – je nachdem, welchen Zeugen man fragte. (von Kleist: 2019, S. 77, Fußnote 38)

1990 begegneten die chilenischen Geschwister Mónica und María Elena Rossi einem gelandeten UFO bei Ñuñoa, einem Stadtteil von Santiago de Chile. Eine Tür öffnete sich und ein Astronaut stieg aus. Er war – so María Elena – „sehr groß“ und trug einen Helm, „der sein Gesicht ganz bedeckte“. Mónica sah „einen kleinen Grauen“, wie bei den Entführungen. Die ganze Episode dauerte 40 Minuten. (von Kleist 2019, S. 165)

Am 2. Oktober 1936 beobachtete Valentine Williams ein eigenartiges Lichtphänomen über San Sebastian im Baskenland. Er sah ein hell leuchtendes Objekt, das schnell und auf einer geraden Flugbahn über die Berge raste. Das Licht war orange. Zwei Männer begleiteten ihn. Sie gaben an, das Licht sei weiß gewesen. Von Biarritz aus beobachtete Tom Dupree das Licht. Er gab an, es sei grün gewesen. (Ribera 1966, S. 260) Astronomen registrierten zur selben Zeit – einen gewöhnlichen Boliden.

Im Oktober 1940 fürchtete man in Großbritannien keine außerirdische, sondern eine deutsche Invasion. Pflichtbewusste Bürger meldeten Beobachtungen und Funde, die relevant sein könnten. In der Old Street, London, lag ein seltsames Objekt. Es wurde der Polizei gleich mehrmals angezeigt – einmal als „schwarzer und goldener Gegenstand“, einmal als „gallertartige Masse““ und einmal als „metallisches Pulver, das in dunklem, plastikartigen Material steckt“. Es handelte sich um einen Bilderrahmen aus Bronze. (Young 2019)

Bei einem Fall der GEP sah ein Ehepaar ein Objekt mit Flügeln und einem Cockpit. Der Mann sah darin drei Wesen, die Frau – nichts. (Ickinger 2019, S. 174)

Seeungeheuer

Am 30. Juli 1948 begegnete eine Bootsladung Touristen einem Ungeheuer im schottischen Loch Morar. Die Kryptozoologin Elizabeth Montgomery Campbell befragte zwei Zeugen des Ereignisses rund 20 Jahre später. John Gillies erinnerte sich, im Boot wären 9 Leute gewesen, Noel O’Donnell rund 20. Das Tier sei 6 m lang gewesen, berichteten damals die Zeitungen, und hätte 5 sehr flache Höcker gehabt. John meinte, es habe kaum Kielwasser erzeugt. Für Noel hatte es keine Höcker, sondern glich einem hoch aus dem Wasser ragenden Wal und hinterließ massives Kielwasser. Für John Gillies war das Tier eine Viertelmeile entfernt, für Noel O’Donnell eine Meile. John erinnerte sich, wie langsam sich das Tier bewegte, Noel erinnerte sich an seine „schreckliche Geschwindigkeit“ von acht Knoten. (Campbell 1972, S. 120)

Am 15. September 1823 berichteten Passagiere auf dem Paketboot Lady Sherbroke bei Montreal in Kanada, „daß sie bis wenige Meilen von der Stadt von einem großen Seeungeheuer verfolgt worden wären, welches einige für die berüchtigte Seeschlange, andere aber für einen Wallfisch hielten.“ (Bremer Zeitung, Sonntag, den 16. November 1823) „Die meisten stimmten indessen dahin überein, daß es ein großer von 35 bis 80 Fuß langer Fisch gewesen sei.“ Das sind geschätzte Längen von 10,5 bis zu 24 Meter!
Am 17. Juli 1875 beobachtete Captain Garton eine Seeschlange vor dem amerikanischen Plymouth. Das Ungeheuer hatte einen schwarzen Kopf mit weißer Kehle und riesigen, „untertassengroßen“ Augen. Der Körper war rund, etwa 30 m lang, schlangenförmig und bewegte sich wie eine Raupe. Auf einem anderen Schiff saß ein Passagier, der das Monster ebenfalls sah. Er meinte, der Kopf sei flach gewesen wie der einer Schildkröte, das Tier habe eine große Rückenflosse gehabt und „kleine Flossen entlang beider Seiten“. Das Tier sei 18 m lang gewesen und habe sich glatt durchs Wasser bewegt. (O’Neill 2003, S. 126)

1886 tauchte die Seeschlange bei Rockport auf. Granville Putnam schilderte das Meer als „ganz glatt und ruhig, mit Sonnenschein“, William Pool meinte „der Wind frischte auf und erzeugte mächtige Wellen“. Virginia Henderson meinte, „das Meer war glatt wie Glas“. Sie sah 4 Schlingen, Putnam 15 Höcker. Pool gab an, die Schlange sei „hellgrau“ gewesen, Putnam „dunkelbraun“. (O’Neill 2003, S. 139, 140)

Am 7. Juli 1960 zeigte sich die Seeschlange bei Cape Ann. Mehrere Augenzeugen wurden befragt. Richard Laupot berichtete, das Tier sei schlangenförmig gewesen, grau, mit „zwei schwarzen Segeln … Darauf waren gelbe Punkte. Es glich einem Dinosaurier.“ Captain Ellis Hogkins beschrieb dasselbe Tier so: „Es sah aus wie ein Kamel, das halb im Wasser steht.“ (O’Neill 2003, S. 204)

Ein Ungeheuer, das sich 1688/89 im Rhein zeigte, wurde abwechseln als „Pferd“, „Kuh“ oder „Schwein“ beschrieben. An drei verschiedenen Orten (Worms, Koblenz, Köln) soll es schließlich gestrandet sein. (Magin 2015)

Anfang der 1960er Jahre beobachtete Mildred Nye ein überaus bizarres Monster, das beim englischen Orford Ness geschossen worden war. Das Tier war etwa 5 m lang und glich einer riesigen Kaulquappe mit vier handförmigen Flossen. Sie erinnere sich, dass der Kurator des Ortsmuseum den Kadaver fotografiert und protokolliert hatte. Der Nessie-Forscher Tim Disdale kontaktierte den Mann und erfuhr, dass es sich bei der Riesenkaulquappe um einen 3,30 m langen Blauhai gehandelt hatte, der nicht erschossen, sondern tot angeschwemmt worden war. (Dinsdale 1976. S. 151–155)

Das Bild rechts zeigt das Ungeheuer von Orford, wie es Frau Nye in Erinnerung hatte – als 5 m lange Kaulquappe. Darunter das Tier, wie es der Meeresbiologe sah – als 3 m langen Blauhai. (nach Dinsdale)

Im Juli 1723 beobachteten drei erfahrene Seeleute einen Meermann vor Helsingör. „Was die Gestalt dieses Ungeheuers betrifft, so sagen sie, daß es ihnen als ein alter Mann vorgekommen, sehr stark von Leibe, mit breiten Schultern, allein von den Aermen konnten sie nichts sehen. Der Kopf war, in Vergleichung des Rumpfes, nur klein, und hatte schwarze krause Haare, die aber nicht weiter giengen, als bis an die Ohren; die Augen lagen tief im Kopfe; das Gesicht war mager und rauh, und hatte einen schwarzen Bart, der abgeschnitten zu seyn schien. Die Haut war grob, und ziemlich mit Haaren bedeckt. Peter Gumersen berichtete (doch hatten es die andern nicht gesehen), daß dieser Meermann um dem Leibe und unterwärts ganz spitz wie ein Fisch gewesen.“ (Pontoppidian 1754, S. 366): Bevor jemand auf die Idee kommt, solche Sachen geschähen nur bei anomalen Phänomen und könnten durch deren paranormale Natur erklärt werden: Der berühmte Peloros Jack, ein Rundkopfdelfin, der ab 1888 Schiffe in der Cook-Straße zwischen der Nordinsel und der Südinsel Neuseelands begleitete, wurde – je nachdem, wer ihn meldete – als glatthäutig oder vernarbt, mit unterschiedlicher Körperfarbe und unterschiedlichen Kopfformen gemeldet. (Alpers 1966, S. 198–224)

Tatzelwurm

Enden wir mit einem Ungeheuer, das uns am nächsten ist: dem Tatzelwurm, einen bislang unentdeckten Riesenreptil der Alpen.

Je nach Berichterstatter saß ein „Haselwurm“, der um 1830 bei Pergine, Trient, erschlagen wurde, auf einer Eiche, kroch aus einem Erdloch oder flog über das Tal. (Meusburger 1934, S. 79) Je nachdem, für was man den Tatzelwurm hält, hat man freie Auswahl!

(Manchmal reicht es bereits, denselben Zeugen mehrmals zu befragen: Ein Tatzelwurmbeobachter namens Sandtner will bei Ruhpolding auf den Tatzelwurm getroffen sein. Einem Forscher erzählte er, es sei ein „Molch ohne sichtbare Füße“ gewesen, dann wieder, der Wurm sei über den Weg „gelaufen“, einmal hatte er „unter einem Baumstrunk hervorgeschaut“. Der Tatzelwurm hatte einmal keine Füße, ein anderes Mal kurze Füße. „Hier finden wir also zwei widersprechende Nachrichten über scheinbar den gleichen Vorfall“, schreibt der Tatzelwurm-Forscher Karl Meusburger. „Wenn Sandtner zu Ruhpolding einen ‚Molch ohne sichtbare Füße‘ sah“, schlussfolgerte Doblhoff, „so stimmte das wenig zur ‚Schlange mit Füßen‘ und nicht einmal mit der früheren Angabe, dass man ‚ein kleines Krokodil‘ zu sehen glaubte.“ „Was soll nun die Wissenschaft mit diesem ‚verläßlichen‘ Bericht anfangen?“, fragt sich Dr. Otto Steinböck. (Meusburger 1931, S. 473, Doblhoff 1895, S. 160, Steinböck 1934, S. 462)

Am 10. oder 12. Juni 1910 war Franz Brandner anwesend, als ein 35 cm langer Tatzelwurm mit nur einem Beinpaar unmittelbar hinter dem Kopf einen Holzknecht im Preunegtal in der Steiermark biss. Der erschrockene Knecht schlug das Tier tot, er starb aber bald darauf an dem giftigen Biss. Später meldete sich ein weiterer Augenzeuge, aber er erinnerte sich, dass das Ganze schon 1908 passiert war, der Tatzelwurm nur 25 cm maß, vier Füße hatte und der Biss nicht tödlich gewesen war. (Flucher 1932, S. 504f)

Schlussbemerkung

Wenn Augenzeugen so unzuverlässig sind und so voneinander abweichen, wieso kann man dann z.B. eine Meldung einer fliegenden Untertasse als Miniatur-Heißluftballon erkennen? Weil hier, zusätzlich zum Augenzeugenbericht, das reale Objekt bekannt ist. Gleicht ihm die Zeugenbeschreibung, lässt sich rückfolgern, es habe sich um einen solchen Stimulus gehandelt. Sieht der Augenzeuge einen bekannten Stimulus, berichtet ihn aber so, wie die nette Dame den Blauhai von Orford als Riesenkaulquappe, dann hilft auch die beste Kenntnis der Stimuli nicht, um den Auslöser der Sichtung zu benennen. Das Objekt wird dann zu PROBLEMATIC UFO oder GOOD UFO.

Die Abweichungen in den einzelnen Berichten zeigen, welch große Bandbreite an Details zur Verfügung steht, selbst aus einfachen, sicher erklärbaren Beobachtungen noch komplexe anomale Wahrnehmungen zu machen.

Literatur
Alpers, Anthony: Delphine. München: dtv 1966
Campbell, Elizabeth Montgomery: The Search for Morag. Tom Stacey Ltd 1972
Dinsdale, Tim: The Leviathans. London: Futura 1976
Doblhoff, Josef Frh. v.: Altes und Neues vom „Tatzelwurm“, mit einem Schlussworte über vergleichende Sagenforschung in Österreich-Ungarn. Zeitschrift für Österreichische Volkskunde 1895, S. 140–164
Flucher, Hans: Und abermals vom Tatzelwurm. Schlern, Band 13, 1932
Ickinger, Jochen: UFO-Tagung 2019 in Kassel. Jufof 6/2019, S. 174
Magin, Ulrich: Magischer Mittelrhein. Rheinbach: Regionalia 2015
Meusburger, Dr. Karl: Etwas vom Tatzelwurm. Der Schlern 1931, S. 458–479
Meusburger, Dr. Karl: Neue Beiträge zur Tatzelwurmfrage. Der Schlern 1934, S. 64–85
O’Neill, J. P.: The Great New England Sea Serpent. Paraview Special Editions 2003
Pontoppidian, Erik: Versuch einer Natürlichen Historie von Norwegen. Zweiter Teil. Kopenhagen: Franz Christian Mumme 1754
Ribera, Antonio: Gran enigma de llos platillos volantes. Barcelona: Editorial Pomaire 1966
Steinböck, Dr. Otto: Der Tatzelwurms und die Wissenschaft. Der Schlern 1934, S. 453–468
Thayer, Tiffany Sizzling Zinner, Doubt 17, 1946, S. 251–252
von Kleist, Sebastian: Encuentros con extraterrestes en Chile Chile: Ediciones Coliseo Sentosa 2019
Young, Taras: Hun-identified flying objects. Fortean Times 384, Oktober 2019, S. 57
Netzwerk Kryptozoologie

Ergänzend zu diesem Beitrag möchten wir anmerken, dass wir mehrere Augenzeugenberichte zu einer Beobachtung als durchaus interessant und möglicherweise hilfreich ansehen, da mehrere, auch abweichende, Beschreibungen so ggf. mehr und vollständigere Informationen über das Objekt und Hinweise auf eine herkömmliche Ursache liefern können, als das nur eine einzelne Aussage würde. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Unabhängigkeit der Augenzeugen, die dann eher gegen einen Schwindel bzw. erfundene Geschichte spricht und auch phantasievoll ausgeschmückte Geschichten minimiert. Als problematisch gelten interagierende Gruppen, also Zeugen, die gemeinsam als Gruppe eine Beobachtung machen. Durch die zu erwartende anschließende Unterhaltung untereinander über das, was man da gesehen hat, kann es auch zu Verfälschungen der eigenen Wahrnehmung und Beeinflussung durch andere Zeugen kommen. Insbesondere bei seltsam anmutenden Beobachtungen und einer gewissen Aufregung komme es lt. Hendry zu einem solchen Gruppendenken. Eine Rolle kann dabei auch eine Mehrheitsmeinung spielen, oder aufgeregte Fehleinschätzungen einzelner, die die Wahrnehmung und Interpretation anderer Beobachter beeinflussen.

Der englische Forscher Isaac Koi fasst das auf seiner Webseite im Kapitel „Qualitative criteria: Multiple witnesses“ sehr schön zusammen und spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „internen Kontamination“ bei derartigen Gruppensichtungen.[1]

[1]: https://www.isaackoi.com/best-ufo-cases/17-qualitative-criteria-multiple-witnesses.html

Die Frage nach der Zuverlässigkeit von Augenzeugenberichten ist bei den sogenannten außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen, also Ereignisse, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht, bzw. Teil der Erfahrung und die wesentliche Datenquelle ist, ein zentraler Faktor in der Beurteilung des Ereignisses. Zu diesen Erfahrungen zählen u.a. UFO-Sichtungen, Spuk-Phänomene, oder Begegnungen mit unbekannten Wesen (Kryptozoologie). Nach Meinung kritischer Forscher wird die Zuverlässigkeit oftmals jedoch nicht hinreichend berücksichtigt, sondern bevorzugt auf den vermeintlichen Kern des Ereignisses fokussiert. Beim UFO-Phänomen also die Frage nach der Natur oder Herkunft der beobachteten Objekte, anstatt die geschilderte Beobachtung der Zeugen nach dessen Zuverlässigkeit bzw. Fehlerquellen zu hinterfragen und dies bei der Frage nach der Natur des beobachteten Gegenstands einzubeziehen. Dabei gibt es in der Psychologie, maßgeblich in der forensischen Zeugen- und Aussagepsychologie, mittlerweile einen breiten Kenntnisstand zu diesem Thema.

Ein Aspekt dabei ist die Wahrnehmung und Interpretation durch den Beobachter. Häufig unterstellt man Beobachtern, die in ihrem beruflichen Umfeld außergewöhnliche Beobachtungen machen, eine besondere Kompetenz in der Beurteilung dessen, was sie sehen. Im UFO-Phänomen spricht man bspw. Piloten eine solche Kompetenz zu (siehe dazu unseren Beitrag "Warum Piloten UFOs sehen"). Ebenso gilt das in der Kryptozoologie bspw. für Jäger oder ähnliche Berufsgruppen, die regelmäßig in der Natur unterwegs sind und so eine besondere Kompetenz bei der Unterscheidung zu bekannten Wildtieren unterstellt wird.

Unser Kollege Ulrich Magin, Forteaner und Autor, hat zu diesem Thema einen interessanten, kleinen Beitrag verfasst, der einen Test zu diesem Thema beinhaltet.

Zur Zuverlässigkeit von Augenzeugenberichten - Ein kleiner Test
von Ulrich Magin

Gerade jenen, denen man besondere Kompetenz zugesteht – in der Kryptozoologie z.B. Menschen, die viel Zeit in der Natur und mit Tieren verbringen – machen oft genug gröbste und tragische Fehler bei ihrer Wahrnehmung und deren Einschätzung. Das sehen Verfechter der Realität von unbekannten Tieren natürlich nicht so.

„Aufgrund seiner großen Vertrautheit mit Bären hält [Dr. Lynn Rogers] die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bär für einen Sasquatch gehalten wird, für gegeben, allerdings für sehr unwahrscheinlich bei einem informieren Beobachter. [Zudem haben] Bären physische Eigenschaften, die sie deutlich von der typischen Beschreibung eines Sasquatch unterscheiden“, schreibt Jeffrey Meldrum in seinem Buch „Sasquatch: Legend Meets Science“. (Meldrum, S. 204)

Ähnlich es liest man oft über Piloten, Meteorologen und Astronomen und ihre Sichtungen von UFOs. Bei Bigfoot nehme ich als gegeben an, dass ein Jäger mit Jagdschein, der oft im Ansitz auf Beute wartete, als „informierter Beobachter“ gelten darf. Wie gut kann ein solcher „Experte“ einen Menschen von einem Wildschwein unterscheiden (deren Form deutlich verschiedener ist wie die von Sasquatch und Bär)?

Es gibt einen einfachen Zuverlässigkeitstest: Man muss bei Google-News folgende Schlagworte eingeben: Jäger, verwechselt, schießt. Ich habe das Ende 2019 getan. Und es zeigte sich – mit verstörender Häufigkeit schießen erfahrene Jäger auf Jagdhelfer oder Spaziergänger, weil sie sie für ein Wildschwein gehalten haben oder auf Pferde, weil sie dachten, das seien Rehe. Es ist dasselbe Klientel, dem ein Kryptozoologe eigentlich zutrauen würde, einen Affenmenschen von einem Bären, ein UFO-Forscher, ein UFO von einem Stern zu unterschieden.

Nun zu den Fällen, damit sich jeder selbst ein Bild über die Häufigkeit solcher Verwechslungen machen kann.

September 2012, Oberfranken
Jagdunfall in Bayern: Mit Wildschwein verwechselt – Jäger erschießt Mann. (https://www.welt.de, 10.09.2012; https://www.sueddeutsche.de, 09.09.2012)

10. Oktober 2014, Nittendorf im Landkreis Regensburg, Bayern
Ein Jäger hat in Bayern einen Waidgenossen angeschossen – weil er ihn offenbar für ein Tier hielt. … Ein 19-jähriger Jäger schießt bei Fuchsjagd irrtümlich auf 73-Jährigen. (https://www.proplanta.de, 12.10.2014; https://www.rtl.de, 12.10.2014; https://www.wochenblatt.de, 11.10.2014)

September 2015, Brandenburg
Tragische Verwechslung: Jäger erschießt Mann – Jäger schießt auf Liebespaar und tötet Mann. (https://www.goettinger-tageblatt.de, 10.09.2015)

November 2015, Regensburg, Bayern
Ein Jäger glaubte, auf ein Wildschwein zu schießen – tatsächlich war es aber ein Mann. … Bewährungsstrafe ... (https://www.merkur.de, 12.11.2015)

31. Januar 2016, Mönchengladbach, NRW
„31.1.16: Jäger schießt Jäger auf Fuchsjagd an. In Mönchengladbach wurde ein 73-jähriger Jäger von einem 19-jährigen Jagdkollegen angeschossen und schwer verletzt. Dies berichtet die Rheinische Post online am 31.1.2016. Demnach hatten einige Jäger am Sonntagvormittag in einem Feld einen Heuballen umstellt, um einen Fuchs zu schießen. Dabei habe der Jungjäger offenbar zu früh geschossen und aus Versehen den Jagdkollegen getroffen.“ (https://www.tierschutzpartei.de, 06.01.2017)

Januar 2017
Mann mit Wildschwein verwechselt – Drei Jahre Haft für Jäger ... in der Dämmerung auf ein vermeintliches Wildschwein schießen wollen. (https://www.morgenpost.de, 23.01.2017)

Oktober 2018
Der Jäger hat den Radfahrer trotz seines bunten Helms mit einem Tier verwechselt ... Er glaubte, auf ein schnelles Tier zu schießen. (n-tv.de, 15.10.2018 )

November 2018, Frankreich
–„Jäger haben in Frankreich auf zwei Surfer geschossen. Sie sagen, sie hätten sie ‚mit Fasanen verwechselt‘.“ (https://www.deutschlandfunknova.de, 15.11.2018)

22. Januar 2019, Sachsen-Anhalt
„Jäger statt Reh getroffen. Bei einer Drückjagd in Sachsen-Anhalt wurde ein Jäger am Oberkörper getroffen und verletzt. Ein Jagdkollege hatte auf ein Reh geschossen. (Mitteldeutsche Zeitung, 22.1.2019, nach https://www.peta.de)

17. August 2019, Weiskirchen, Saarland
„Jäger trifft aus Versehen Pferd. Ein Islandpferd wurde auf einer Koppel in Weiskirchen (Saarland) bei einer Jagd aus Versehen angeschossen und so schwer verletzt, dass es eingeschläfert werden musste.“ (Breaking News Saarland, 17.8.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

18. August 2019, Eifel
„82-jähriger Jäger trifft 76-Jährigen. Jagdunfall in der Eifel: Ein 82-jähriger Jäger hat einen 76-jährigen Jagdkollegen aus Versehen angeschossen und schwer verletzt.“ (Kölnische Rundschau, 18.8.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

2. September 2019, Blankenheim, NRW
„NRW: Mit Wildschwein verwechselt – Jäger schiesst Fohlen.“ „In Nordrhein-Westfalen hat ein Jäger ein Fohlen erschossen. Die Besitzerin fand das Fohlen am Morgen tot auf einer Weide in Blankenheim – nur etwa 70 Meter von einem Hochsitz entfernt. Gegenüber der Polizei sagte der Jäger, dass er auf ein Wildschwein geschossen habe.“ (https://www.jawina.de, 02.09.2019; Radio RPR1, 02.09.2019)

September 2019, Brandenburg
„Jäger verwechselt Liebespaar mit Wild – Mann tot. Ein Jäger hat in Brandenburg einen Mann getötet und eine Frau schwer verletzt. Das Liebespaar wurde in einem Maisfeld mit einem Wild verwechselt.“ (https://www.nrz.de, 11.09.2015)

19. September 2019, Baden-Württemberg
„Kugel trifft Bauern statt Wildschwein. Bei der Maisernte im schwäbischen in Gündelbach saßen ein 25-jähriger Landwirt und eine 18-jährige Erntehelferin auf dem Traktor, als zwei Jäger auf ein Wildschwein schossen. Eine Kugel durchschlug die Scheibe des Traktors. Der junge Mann wurde in den Unterschenkel getroffen und mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Die 18-Jährige wurde durch Glassplitter verletzt.“ (Stuttgarter Zeitung, 17.09.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

September 2019. Italien
„Italien: Jäger will auf Wildschwein schießen – und tötet seinen Vater.“ In Italien hat ein Jäger seinen eigenen Vater mit einem Wildschwein verwechselt und erschossen. (https://www.derwesten.de , 25.09.2019)

4. Oktober 2019, Heidekreis, Niedersachsen
„Jäger erschießt Pferd statt Wildschwein. Ein 65-jähriger Jäger hat ein Islandpferd auf einer Weide im niedersächsischen Heidekreis erschossen, weil er es mit einem Wildschwein verwechselt hat. Es sei es zu diesem Zeitpunkt fast dunkel gewesen. ‚Was, wenn dort ein Mensch gestanden hätte?‘, fragt der Pferdehalter.“ (Hannoversche Allgemeine, 04.10.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

Oktober 2019, Lützkampen, Eifelkreis Bitburg-Prüm, Rheinland-Pfalz
„Jagdunfall: Mann schießt in Lützkampen auf Pferd. Ein Jäger hat in Lützkampen ein Pferd angeschossen. Er hat das Pferd mit einem Wildschwein verwechselt.“ (https://www.volksfreund.de, 15.10.2019)

3. November 2019, Heidekreis
„Im Heidekreis wurde ein Jogger im Wald auf einem öffentlich zugänglichen Weg angeschossen und am Bein verletzt. Ein Jäger hatte mit einer Schrotflinte auf ihn geschossen – es fand gerade eine Treibjagd statt.“ (Hannoversche Allgemeine, 03.11.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

Mindestens neun Jagdunfälle in Deutschland im Jahr 2019 mit groben Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehlern. Eigens ausgebildete Menschen – schließlich hat jeder Jäger eine Jagdprüfung zu absolvieren – waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie schossen. Und doch hatten sie Surfer mit einem Fasan, einen Radfahrer mit buntem Helm mit einem „schnellen Tier“ verwechselt. Legt man diese Maßstäbe an UFOs an, wären auch ein Dutzend „Best UFOs“, sogar Nahe Begegnungen, im Jahr immer also noch im Bereich dessen, was wir als Fehlleistungen bei ehrlichen und kompetenten Menschen erwarten können.

Übrigens: Mit den Stichworten Pilot und verwechselt kommt man auf ähnlich spannende Geschichten – Piloten, die statt nach München nach Edinburgh fliegen, die auf dem Airbus-Gelände statt auf dem Hamburger Airport landen usw. Es verwundert immer wieder, wenn von Forschern, die an reale UFOs oder Bigfoots glauben, damit argumentiert wird, dass die Geschichte von einem erfahrenen Zeugen gemeldet wurde. Erfahrung schützt vor Irrtum nicht. Dass sie sich auf Zeugenaussagen verlässt, ist einer der Gründe, warum die UFO-Forschung feststeckt, wenn sie ein Phänomen packen will, das eben eine Folge unserer Wahrnehmung und nicht von exotischen Objekten in Raum und Zeit sein kann. BEST UFOs zu vergleichen wäre dann, als wolle man ein Wildschwein beschreiben, indem man die angeschossenen Pferde, Jagdhelfer und Jogger vergleicht.

Literatur
Meldrum, Jeffrey: Sasquatch: Legend Meets Science. Forge Books: New York 2006
Netzwerk Kryptozoologie

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Soweit der Beitrag von Ulrich Magin. Ergänzend möchten wir hierzu noch auf das psychologische Phänomen der Bahnung (engl. Priming) hinweisen, das hier auch eine Rolle spielt. Es wurde in der Bigfoot-Dokumentation von ZDF History als Ursache für fehlerhafte Wahrnehmungen bzw. Interpretationen beschrieben. Demnach wird die Verarbeitung eines Reizes (also die Wahrnehmung) mit vorhandenen Assoziationen, durch Vorerfahrungen oder Erwartungen, beeinflusst, was zu falschen Interpretationen führen kann. Priming beeinflusst so unser Denken und Handeln[1]. In der genannten Dokumentation führte dies dazu, dass die Beobachter im Wald einen Bigfoot „erkannten“ und beschrieben, obwohl DNS-Analysen von den Zeugen dort sichergestellten Haaren auf bekannte Wildtiere zurückgeführt werden konnten. Auch in der UFO-Forschung halten wir dieses Phänomen zumindest in manchen (ungeklärten) Fällen für relevant. Eine Diskussion dazu findet bislang jedoch noch nicht statt.

[1] https://lexikon.stangl.eu/1378/priming/

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